28. Februar 2011

Manchester IV 2011

Michael Saliba und Andreas Lazar haben das ESL-Finale des Manchester IV 2011 vom 25.-27. Februar gewonnen. Sie setzten sich dabei gegen drei niederländische Teams aus Utrecht und Rotterdam durch und belegten gemeinsam den zweiten Platz von 34 ESL-Rednern (27. von 160 Rednern, 22. von 80 Teams insgesamt).

Michael (links) und Andreas (Mitte) können ihren Sieg noch kaum fassen, während Ruth Faller schon ganz erfreut ist
Wer öfter nach England fährt, lernt dieses schöne Land bald lieben: das berühmte nasse, aber milde Wetter; die alten Städte mit ihren beeindruckenden Backsteinbauten; die ausgeprägte Pubkultur mit guten Getränken und wenn nicht gesundem, so doch als "guilty pleasure" sehr befriedigendem Essen wie großen Burgern, dick panierten Hähnchenflügeln, mit Öl, Essig und Ketchup übergossenen Pommes ... Nicht zuletzt die freundlichen und als Debattierer naturgemäß gesprächigen und gut informierten Menschen sind einen Besuch auf der Insel immer wieder wert.

Während die sehr kompetenten und nahbaren Chefjuroren Ruth Faller (Chefjurorin der Galway Euros 2011) und Sam Block (Chefjuror der De La Salle Worlds 2012) 80 Teams betreuten, kümmerten sich die engagierten Mitglieder der Manchester Debating Union um das leibliche Wohl der Redner und Juroren und spielten vor den Runden immer wieder aufwendig gemachte Videoparodien bekannter TV-Shows wie "Dragons' Den" und "Glee" ein, lustig aufs Debattieren gemünzt. Einmal durften die Teilnehmer sogar per Akklamation an einem interaktiven Debattierabenteuer teilnehmen ("Two people want to speak with you at an IV. Do you go with the Pro[fessional] or do you go with the Am[ateur]?")

Nach einer wie bei britischen und irischen Turnieren üblich als "Crash" (mit Schlafsack und Isomatte bei lokalen Debattierern auf dem mehr oder weniger aufgeräumten Boden) verbrachten Nacht begann das Turnier mit der ersten Runde zum Thema "This house believes that in times of state breakdown abroad, the UK government should prioritise the rescue of the UK citizens over other humanitarian concerns." Als Eröffnende Opposition sahen wir eine gute Strategie darin, zu beweisen, dass die Nachteile einer solchen Priorisierung im Falle des Zusammenbruchs eines Staates ihre Vorteile überwiegen würden, und dass sie prinzipiell unmenschlich wäre, so als würde man von einem sinkenden Schiff nur die Passagiere retten, die gerne Lamm mit Minzsoße essen. Also sprachen wir über die Folgen eines Staatskollapses und aus Empathie begründete Mitmenschlichkeit und konnten so die Debatte gewinnen.

Runde zwei hatte zum Thema "This house believes that the state should force religious organizations to marry same-sex couples." Hier standen wir in der Eröffnenden Regierung, und die Knackpunkte dieser Debatte waren für uns, zu zeigen, warum der Staat einen Durchgriff auf religiöse Organisationen ausüben kann und warum die Organisationen daran nicht zerbrechen werden. Wir taten dies und wurden Zweite, so auch in der dritten Debatte zum Thema "This house would punish internet and communication companies that comply with oppressive regimes' censorship policies". Als Schließende Regierung konzentrierten wir uns darauf, zu begründen, warum Firmen als Bannerträger des Westens für unsere Werte stehen und warum diese Werte nicht „like Swiss cheese“ durchlöchert werden dürfen, wenn wir unseren moralischen Anspruch behalten wollen, mußten aufgrund einiger Versäumnisse der Eröffnenden Regierung aber auch noch Corporate Social Responsibility erklären, oder warum Firmen sich auch im Ausland nicht aus unserer Werteordnung ausklinken können. Bei Reden von nur fünf Minuten Dauer konnten all diese Aufgaben nebst nötigem Rebuttal etwas viel werden, aber rigorose SEXIER (State-Explain-Illustrate-Explain Relevance)-Struktur und schnelles Sprechen halfen uns, unsere Punkte gut, wenn auch manchmal nicht besonders schön zu vermitteln.

Das vierte Thema lautete "This house believes that the Republican party should actively try to suppress the Tea Party movement". Wir waren uns, wie auch die meisten anderen Teilnehmer der Debatte, mangels detaillierten Wissens und wegen der Unübersichtlichkeit des amerikanischen Vorwahlensystems unsicher, ob die Tea Party Teil der Republikaner ist oder nicht, und unsere Punkte über die Nachteile der Unterdrückung und die Vorteile der Existenz der Tea Party vermochten auch nicht recht im Fluß der Argumente zu verfangen, so dass wir leider Letzte wurden. Die letzte Runde war dann wieder mehr nach unserem Geschmack: Zum Thema "This house believes that post-genocide states should inflict very public long-term punishments on those involved in genocide" sahen wir in der Schließenden Regierung eine effektive Siegstrategie darin, zu analysieren, warum öffentliche Pranger und Sündenböcke abschrecken, erziehen und heilen helfen. Wir fühlten, dass wir uns ganz gut geschlagen hatten, und gingen froh zu Buffet und preiswerten Cocktails in eine Kneipe in Manchester-Fallowfield, nahe der Studentenwohnheime. Dort erzählte uns die Cheforganisatorin Francesca Hall unter anderem, dass dieses Manchester IV das größte seit Gründung des Turniers vor sechs Jahren sei und dass britische und irische Teams vor allem auf ein hohes Niveau und niedrige Teilnahmegebühren Wert legten, aber auch der Spaß nicht zu kurz kommen solle.

Den hatten wir nicht nur bei interessanten Gesprächen mit Debattiererinnen und Debattierern aus England, Wales, Schottland, Irland, den Niederlanden und Frankreich, sondern auch beim Break ins ESL-Finale, den wir hinter den mehrfachen internationalen Champions Erasmus A aus Rotterdam (Jeroen Heun und Daniël Springer) als Zweite geschafft hatten. Zwei weitere niederländische Teams aus Utrecht breakten mit, und so hieß es am nächsten Tag nach den Viertel- und Halbfinals des allgemeinen Breaks zu den Themen "This house would criminalize the glorification of martyrdom" und "This house believes that individuals in western developed countries have a greater moral responsibility to starving strangers overseas than to their own families", aus der Eröffnenden Opposition gegen die sehr gut trainierten und cleveren Niederländer antreten.

Das Thema lautete "This house would be a pacifist". Wir sahen unsere größte Konkurrenz in Erasmus A in der Schließenden Opposition, also bemühten wir uns, möglichst alle starken Argumente gegen Pazifismus in befriedigender Tiefe auszuführen und sprachen daher über jus ad bellum, jus in bello, die Notwendigkeit militärischer Macht, um seine Werte bewahren zu können, die Verantwortung des Staates, seine Bürger zu schützen, die Heuchelei der Pazifisten gegenüber denen, die ihre Freiheit verteidigen, und die menschliche Natur, die immer einige nach Macht über andere streben lassen wird. Wir begannen mit aufs britische Publikum abgestimmten Scherzen ("We Germans are sorry to march into this little Dutch tête-à-tête") und endeten seriös und staatstragend, und so konnten wir am Ende eine Mehrheit der Juroren überzeugen und die Schale mit nach Hause nehmen. Die Niederlande gingen aber nicht ganz leer aus: Im Hauptfinale setzte sich Elisabeth van Lieshout aus Utrecht zusammen mit ihrem Teampartner Hugh Burns für Oxford in einer sehr guten Debatte zum Thema "This House believes that western states should invent their own religion to promote liberal values" aus der Eröffnenden Regierung gegen Teams aus Dublin, Durham und Leiden durch.

Ein mit Liebe gemachtes Turnier, klasse Themen und tolle Leute: Jeder sollte nach Manchester fahren!

20. Februar 2011

Workshop für das Baden-Württemberg-Stipendium

Andreas Lazar hat am 19. Februar einen Rhetorikworkshop für ehemalige und jetzige Stipendiaten der Baden-Württemberg-Stiftung in Stuttgart gehalten.
Eine der Folien des Workshops für die BW-Stipendiaten
Die Veranstaltung kam über Alexandra Schulz, eine mit Andreas befreundete und am Debattieren interessierte ehemalige Stipendiatin zustande, die flugs mit einer Mitstreiterin und einem Mitstreiter den Workshop organisierte. 15 Teilnehmer kamen, wurden gut verpflegt und hörten Einheiten zu Körpersprache und Mimik, Gestik und Rhetorik, Argumentation sowie Struktur, die immer wieder mit Übungen wie dem "Capewalk" (Gehen, als trage man ein Cape wie Superman/Supergirl), der "Weil"-Kette (eine Aussage mit mindestens drei "Weils" begründen) oder dem "Rollenspiel" (z.B. der Hochzeitsredner vor verfeindeten Familien) verfestigt wurden. Nach leckerer Pizza zum Mittag jurierte jeweils eine Hälfte der Teilnehmer, während die andere oft zum ersten Mal im Leben in einer Debatte redete. Die lernbegierigen und talentierten Rednerinnen und Redner dankten den Organisatoren und Andreas am Ende mit sehr gutem Feedback und viel Applaus.

13. Februar 2011

Punkturnier Stuttgart 2011

Fotos und Tab sind jetzt online!

Andreas Lazar als Cheforganisator und Chefjuror sowie Nils Haneklaus als interner Co-Chefjuror und Sarah Kempf aus Mainz als externe Co-Chefjurorin haben am 12. Februar im Internationalen Zentrum IZ in Stuttgart-Vaihingen das Punkturnier Stuttgart 2011 ausgerichtet.

Dank unserer vielen neuen und debattierbegeisterten Mitglieder verlief die Organisation des Turniers für über 40 Teilnehmer reibungslos, und so konnten wir schon am Freitag bei Andreas mit den Mainzern und Münchnern, die mit Schlafsack und Isomatte bei ihm übernachteten, sowie den Aachenern mit Singstar, Bier und Chips etwas vorfeiern.

Carl-Christoph Friedrich (Mitte) aus Aachen ist noch etwas skeptisch über die vierte Motion
Am Samstag begann das Turnier kurz nach neun Uhr mit der Registrierung und einer Regeleinführung. Danach erhielten die studentischen Teams aus Aachen, Freiburg, Kaiserslautern, Karlsruhe, Mainz, München, Regensburg und Stuttgart und die zwei Schülerteams aus Backnang und Leonberg das erste Thema: "Dieses Haus würde Einwanderern die Staatsbürgerschaft verleihen, wenn sie im Einwanderungsland Militärdienst geleistet haben". Die Rednerinnen und Redner strömten für acht Fünf-Minuten-Reden in die nach wichtigen Sternen wie Altair und Canopus benannten Räume, während unsere Helferinnen und Helfer die nächste Runde Kaffee, Kuchen und Früchte für die scheinbar immer hungrigen und durstigen Teilnehmerinnen und Teilnehmer vorbereiteten.

Nach der zweiten Vorrunde zum Thema "Dieses Haus würde die Handelsbeziehungen mit Ländern abbrechen, in denen Christen verfolgt werden", das im Voraus angekündigt worden war, woraus sich viele gut informierte Debatten ergaben, gab es sehr gute Pizza und dann die dritten und vierten Vorrunden zu den Motions "Dieses Haus lehnt den Valentinstag ab" und "Dieses Haus würde Ärzte verpflichten, den Behörden jeden Fall von vermuteter häuslicher Gewalt zu melden". Da nur 16 Teams teilnahmen, verzichteten wir auf das Halbfinale und veranstalteten stattdessen nach einer kleinen Pause eine fünfte Vorrunde mit dem herausfordernden Thema "Dieses Haus lehnt die Ökumene ab".

Die Finaljuroren. Von links: Julian von Lautz, Andreas C. Lazar, Nils Haneklaus, Kai Nosbüsch, Patrick Ehmann, Sarah Kempf und Igor Gilitschenski
Ins Finale durchsetzen konnten sich die Teams "Mainz Anton" (Clemens Fucker und Alwin Gerner), "München 22" (Xenia Zhykhar und Thomas Tanner), "Aachen Gigawatt" (Jennifer Reinholz und Carl-Christoph Friedrich) und "Freiburger Türme" (Friedemann Groth und Zsolt Szilagyi). Freiburg wurde als Eröffnende Regierung gelost, Aachen als Eröffnende Opposition, Mainz als Schließende Regierung und München als Schließende Opposition, als Juroren dienten neben den Chefjuroren Patrick Ehmann aus Berlin, Julian von Lautz aus Freiburg sowie Igor Gilitschenski und Kai Nosbüsch aus Stuttgart, und das Thema lautete "Dieses Haus würde Vegetarier werden".

In einer guten, oft lustigen ("Elefanten pupsen auch!") Debatte über Klimaschutz, Kultur und Ethik konnten am Ende die Freiburger das Punkturnier Stuttgart 6:1 für sich entscheiden und erhielten je einen schönen Pokal, wie auch Clemens, der beste Redner des Tabs. Da das Turnier auch als Abschlußveranstaltung unseres Kurses in Rhetorik und Argumentation im Wintersemester 2010/2011 gedient hatte, wurden Alex Bauer und Thomas Wurdig als bestes Stuttgarter Team und Alex als bester Stuttgarter Redner des Semesters gewürdigt.

Die Gewinner des Punkturniers Stuttgart 2011: Zsolt Szilagyi (links) und Friedemann Groth
Großer Applaus, viel Freude auf den Teilnehmerinnen- und Teilnehmergesichtern und hoffentlich weitere schwere Infektionen mit dem gutmütigen Debattiervirus waren unser Lohn für einen langen Tag, und wir gingen froh in die Stadt feiern.

6. Februar 2011

Debating Workshop Aachen

Die Teilnehmer warten auf den Beginn des Debating Workshop Aachen
Andreas Lazar hat am 4. und 5. Februar einen Workshop für Debattiererinnen und Debattierer in Aachen auf englisch gehalten.

Der Debating Workshop Aachen, der erste seiner Art in der alten Kaiserstadt, wurde von Thomas Netz und Marc-André Schulz organisiert, um den Redestreit allgemein und besonders das internationale Debattieren in Aachen bekannter zu machen und zu verbessern. Darum fand der Workshop auf englisch statt, und neben Andreas trainierten erfahrene Mitglieder des Debattierclubs am Amsterdam University College um Roelant Stegmann die 32 engagierten Teilnehmer.

Roelant Stegmann (links) und Andreas Lazar kümmern sich um das Tab
Noch am Freitag Abend stellte Andreas allen Rednern die Regeln des Debattierens vor und gab einige Hinweise zu Rollenerfüllung und Vorbereitung, bevor es in die erste Debatte zum Thema "This house would ban Wikileaks" und danach zum Powerpoint-Karaoke in die gemütliche Studentenkneipe "Chico Mendes" ging.

Am Samstag war der Zeitplan schon bedeutend voller: Zwei Einheiten in kleineren Gruppen zu Argumentation, Struktur und Prinzipien sowie Rebuttal und Zwischenfragen waren geplant, eine weitere Übungsdebatte zu einem selbstgewählten Thema und dann ein Miniturnier mit drei Vorrunden und einem Finale. Nach den sehr produktiven Gruppenübungen und dem Mittagessen luden Thomas und Andreas noch kurz das frei erhältliche Tabbing-Programm "Tournaman" herunter und machten sich mit dessen übersichtlicher Bedienung vertraut, da der ursprüngliche Plan, die Teams per Hand zu setzen, auch bei nur vier Räumen schnell zu Fehlern führen konnte, die wir unbedingt vermeiden wollten. Wir konnten uns aber nicht verkneifen, den Teams allesamt wenigstens für uns lustige Namen wie "KHAAAAAAN!", "Marry me Natalie Portman" oder "Amsterdam United" zu geben.

Andreas (ganz links) und Thomas Netz (ganz rechts) verkünden, wer es ins Finale geschafft hat
Die Teilnehmer nahmen dies aber auch mit Humor und schlugen sich durch drei immer besser werdende Debatten zu den Themen "This house would allow assisted suicide", "This house believes the time has come for a homosexual Disney hero" und "This house would introduce a quota for women in boardrooms of publicly traded companies", bevor die vier besten Teams im Finale wieder im "Chico Mendes" zur komplexen Debatte "This house would abolish prison" reden durften. Es gewann die Eröffnende Regierung "Knights of Camelot", und am Ende galt großer Applaus nicht nur den Gewinnern, den Organisatoren und den Trainern, sondern auch den Teilnehmern selbst, die sehr viel gelernt hatten und oft sichtbar mit dem Debattiervirus infiziert wurden. Zum Glück ist er das Gegenteil von tödlich ...